der fremde


Der Fremde saß wie so oft bei einem Krug vergorenem Traubenwein in der Schänke. Ein wunderlicher Einzelgänger, der selten sprach. Die Leute hatten sich an ihn gewöhnt, achteten und respektierten ihn, wenngleich sie auch immer wieder hinter seinem Rücken munkelten, woher er wohl käme und was ihn so eigen gemacht haben mochte. Heute hatte er einige Gläser mehr getrunken und fing plötzlich zu erzählen an:

„Früher lebte ich in einem kleinen Haus in einem friedlichen kleinen Dorf. Ich meditierte viel und experimentierte mit bewußtseinserweiternden Maschinen. Eine dieser Meditationen dauerte viel länger als üblich, ja war sogar außerordentlich intensiv. Als ich von diesem Ausflug in die Tiefen meines Geistes zurück kehrte, hatte sich die Welt verändert!
Irgendwie schien ich in eine andere Dimension geraten zu sein. Ich war auf einem barbarischen Planeten gelandet. Die verschiedenen Stämme bekriegten sich grausam wegen eines kleinen Stückchen Landes oder um die Macht ihrer jeweiligen Gottheit zu bestärken. Sie töteten andere Lebewesen und ernährten sich von ihrem Fleisch. Auf der Suche nach billigen Schätzen rissen sie das Land auf, rodeten die Wälder, um sinnlos große Paläste zu bauen, zerstörten bedenkenlos ihre Umwelt für das, was sie in ihrer Einfalt als Luxus betrachteten. Ihre primitiven Fortbewegungsmittel verpesteten die Luft ebenso wie die riesigen Maschinen, mit welchen sie Waffen, Chemikalien und wer weiß was noch alles herstellten.

Schlimmer jedoch war die Art und Weise, wie sie miteinander umgingen. Sie logen und betrogen einander, jeder war nur auf seinen eigenen kleinen Vorteil bedacht. Ihre Jungen stellten sie mit hypnotischen Unterhaltungsmaschinen ruhig, die Alten wurden in eigens dafür geschaffene Lager abgeschoben.
Dabei waren sie keineswegs zufrieden mit dieser Art Leben! Die meiste Zeit verbrachten sie jammernd und lamentierend über die Zustände in ihrer eigenen Welt, suchten ständig nach Schuldigen für alles mögliche und erfanden 1000 Ausreden, um nichts ändern zu müssen.
Ich bin viel umher gereist dort, doch fast überall bot sich mir das gleiche Bild einer wahrhaft primitiven Welt.“

Einer der gebannt lauschenden Zuhörer brach das auf diesen ungewohnten Redefluß folgende Schweigen und fragte: „Wie bist Du zurück gekommen?“.

„Das bin ich nicht,“ sprach der Fremde „ich bin immer noch hier!“

(Autor unbekannt – ich habe diese Geschichte vor vielen, vielen Jahren einmal gelesen. Warum sie mir gerade jetzt einfällt?)

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